GABRIEL-Oratorium (OP-Online Textauszug)

Gottes letzter Versuch gelingt
Vox Musica: Gabriel-Oratorium zu gefeierter Uraufführung gebracht

Gabriel macht den Gabriel, kalauert Seligenstadt seit Monaten, am Wochenende wurde es ernst: In der Kirche St. Marien erlebte das Oratorium „Gabriel – Im Auftrag des Herrn“ seine drei ersten Aufführungen.

Seligenstadt - Am Ende feierte das Publikum den in der Einhardstadt heimisch gewordenen Komponisten Thomas Gabriel stehend. Für die Hauptakteure vom Chor Vox Musica sagt Tobias Schwab eingangs: „Es ist uns eine große Freude, mit dir zu arbeiten, dein neues Werk uraufführen zu dürfen.“ Der Ort sei alternativlos. „Mag auch der Engel Gabriel auf dem Basilikaturm thronen – Mariä Verkündigung ist hier, in der Kirche, die den Namen trägt.“ Dank geht an Pfarrer Holger Allmenröder.

Einführend ein Werkstattgespräch mit dem Urheber von Text und Musik. Wie er zu seinem eigenen Klang komme? „Ich arbeite gern mit vielen Farben“, erläutert Gabriel. Daher die Verwendung von Harfe, Vibrafon oder Akkordeon, die sogleich Tonbeispiele liefern. Gefordert sind auch die Zuhörer. „Aber fürchtet euch nicht“, spricht Schwab und probt mit der Gemeinde allseits bekannte Weisen zum Zwecke späteren Einstimmens.

Die eingängige Musik verlockt ohnehin zum Mitsummen. In seinem Auftragswerk für Vox Musica kreiert Gabriel seine typische Mischung dramatischer und ruhigerer Passagen für großen gemischten Chor, eingeleitet mit eingängigen Vorspielen von kleinem Orchester und Band, verbunden durch gesungene Dialoge von Solisten, aus eigenen Reihen doppelt besetzt. Geschickt verschmilzt Gabriel das mit Weihnachtsliedern („Es kommt ein Schiff, geladen“), Popsongs („Another Day In Paradise“), Filmmusik („Somewhere Over The Rainbow“) und Eigenzitat („Gott hat mir längst einen Engel gesandt“).

Inhaltlich geht es durch alttestamentarisches Chaos zu neutestamentarischer Erlösung. Anfang und Ende bildet die Verkündung Gabriels (Dominique Garcia Marschall/Marcus Bayer) an Maria (Carina Obermeier/Nadja Rausch), dass sie Gottes Sohn gebären werde, erzählerisch assistiert vom Evangelisten (Ralf Albrecht/Thomas Millitzer). Auf ihre Frage, ob es nicht „Klügere, Reichere, Bedeutendere“ gebe als sie, holt er weit aus. Und bringt ihr bei, dass sie Gottes letzter Versuch sei, die Menschen zu retten, die immer wieder in die Irre liefen.

Als Belege dienen die Geschichten von Noah, der Sintflut und der Arche; vom gerechten Lot (Martin Köhler/Tobias Schwab) und den Sündenpfuhlen Sodom und Gomorrha, über deren Schicksal Abraham (Peter Gmehling/Ralf Albrecht) mit Gott (Gerald Reichenbach/Jörg Schaefer) feilscht; vom frommen Daniel (Thomas Millitzer/Thomas Klostermann) und von der als unfruchtbar geltenden Elisabeth (Lisa Buck/Andrea Wettig), die Johannes den Täufer zur Welt bringt.

Beeindruckend, wie Dirigent Christoph Dombrowski die Masse der Mitwirkenden im Griff hat. Mal fordernd, mal federnd bewahrt er den Überblick, schafft mit Hilfe von Tonmeister Christoph Albrecht annähernd ein Gleichgewicht zwischen engelsgleichem Sopran und Alt, grundierendem Tenor und Bass, trotz Frauenüberhang. Mitgestaltende Begleitung besorgen Frank Willi Schmidt (Bass), Simon Zimbardo (Schlagzeug), Sylvia Demgenski (Violoncello), Alexandra Cygan (Violine), Elias Fenchel (Vibrafon), Tina Craß (Oboe, Englischhorn), Sven Garrecht (Saxofon, Klarinette), Petra Kraus-Hartmann (Akkordeon), Samira Memarzadeh (Harfe) sowie Thomas Gabriel selbst am Keyboard. Unter zwei Zugaben geht da nichts!

VON MARKUS TERHARN (Offenbach Post am 30.12.2019)